flatscreen I / Bibliothek
OPEN Galerie, Frankfurt am Main, 2012
Holz; Kunstharzlack; Scans; Klebestreifen

Über einen Zeitraum von sechs Monaten entstehen sechshundert fiktive Buchtitel. Die Worte, meist Sätze, spielen mit der Sprache, erlauben sich inhaltlich gewagte Kombinationen, Neu-Formungen, Verformungen und poetische Augenblicke. Buchtitel 344 beleuchtet etwa Schwindelerregende Höhen in der Tiefe; Titel 239 verrät Dazugeständnisse. 105 provoziert ein Stolpern in ein Neuland der Neurosen, wenn es heißt: Von den zwanglosen Neurosen.

Die fiktiven Buchtitel entstehen in hoher Geschwindigkeit. Die Sterne stehen gut, sie fallen mir umgerechnet 3,33 Mal am Tag zu. Ausgehend von autobiographischem Material, verlassen die Konstruktionen schnell den persönlichen Rahmen und öffnen sich dem Betrachter. Titel 45 etwa spiegelt einen Wendepunkt in jedem Leben, wenn er festhält: Rotationen, Seitdem.

flatscreen I ist Sammlung, Ansammlung und Vermengung von Sprache in ihrer kürzesten Form. Minimiert auf den Buchtitel und reduziert auf den schmalen Streifen des Buchrückens, übermittelt sie eine Art flatscreen - oder Bildschirm-Charakter. Wir befinden uns innerhalb dieser fiktiven Bibliothek im Bereich des Nicht-Haptischen und Nicht-Greifbaren. Durch die Flächigkeit der Arbeit, die auf den schweren materiellen Buchkörper verzichtet, erhält die Sprache selbst, das Wort, die ganze Bühne - und somit ihre inhärente räumliche Präsenz.

flatscreen II / Video
Wood; synthetic resin varnish; scans; adhesive strips

Eine im Jahr 2000 von meinem Vater vererbte Video-Sammlung, bestehend aus ca. 600 VHS-Kassetten bildet die Grundlage für flatscreen II. Die Sammlung umfasst in etwa den Zeitraum von 1975 bis 2000. Es handelt sich überwiegend um amerikanische Mainstream-Filme in Form von Raubkopien, nahezu aller Genres. Ein System aus handgeschriebenen, farbig angeordneten Filmtitel sowie ein Zahlen-Code gestalten die Klebestreifen der VHS-Kassetten. Sie geben in amerikanischer Sprache einen Teil der Filmgeschichte wieder. Spannend konstruierte Sätze lassen sich lesen, wie etwa Faithfully Yours (1984), True Lies (1994) oder Six Degrees of Separation (1993). flatscreen II verzichtet ebenfalls auf seinen schweren materiellen Körper. Auch in diesem Archiv vermag der Betrachter nichts tatsächlich zu bewegen. Allein in der jeweiligen Erinnerung und in der subjektiven Assoziationskette ist eine Film-Reise gedanklich möglich. Im Unterschied zur fiktiven Bibliothek flatscreen I, liegt hier ein kollektives Film-Gedächtnis vor, das unmittelbar geteilt werden kann.

Das Aufeinandertreffen dieser beiden Schriftwerke markiert auch die künstlerische Zusammenkunft eines Sammlers und einer Sammlerin, Vater und Tochter. Sieben Jahre später, im Jahr 2019, wird die Video-Sammlung erneut zur Grundlage weiterer Arbeiten. Es entsteht  American Home


Vernissage Open Galerie / Making-of Atelier